Ich schaue…

Alfred Zieger
24. August 2015

Ich schaue.
Ich schaue zu.
Ich schaue zu, und wenn es mir zu viel wird —-
schaue ich weg.
Noch schaue ich weg, so wie jene weggeschaut haben, von denen mir mein Großvater immer erzählt hat.
Die Wegschauer, die Esgehtmichnichtsanwegschauer.
Bis man auf einmal mittendrunter ist.
Im Geschehen.
Ohne richtig zu verstehen was momentan geschieht, sind wir im Geschehen verstrickt. Wir haben nichts getan, nur geschaut. Nur zugeschaut. Wieder nur zugeschaut.

Ich habe das verdammte Glück, dass es mir gut geht.
Hart über Jahre daran gearbeitet und das möchte ich natürlich für mich erhalten und verteidigen, auch mit Thujenhecken, welchen meinen Garten vom Nachbarsblick versuchen zu schützen. Und umgekehrt.

Ich war in Barcelona, auf Kreuzfahrt im Mittelmeer. Capri, Kopenhagen, etc.

Bei meinem Nachbar war ich noch nie.
Noch nie.
Noch nie!!!!!!!

Jetzt kommen sie.
Die Flüchtlinge.
Sie hat keiner eingeladen zu kommen.
Sie rennen davon, raus aus ihrem Land.
So wie ich aus diesem Land rennen würde, müsste ich so leben wie sie.
Ich würde sogar die Thujenhecken im Stich lassen.
Nur um das Leben der Meinen und mein eigenes zu retten.

Ich kann denen nicht helfen.
Sag ich.
Sagt mein Nachbar.
Sagen viele.
Fast alle.

Ich war, damals fünf Jahre alt, eingeladen, von Österreich nach Holland zu zu reisen, um nach dem Krieg wenigstens uns Kindern ein paar Monate volle Teller, viel Liebe und Menschlichkeit angedeihen zu lassen.
Die damals erlernte Sprache habe ich leider verlernt und vergessen. Nicht aber die Herzenswärme der holländischen Gastfamillie. Diese Wärme trage ich immer noch in mir.

Anstatt Flüchtlinge in Lager zu pferchen, glaube ich, denke ich, wäre es doch viel, viel gescheiter und für alle vom bleibenden Nutzen, würden diese Flüchtenden in die Arme genommen werden und versucht werden ein Miteinander zu versuchen.
Meine holländische Famillie hat mir das vorgezeigt und ich trage noch immer ihre Gastfreundschaft und Herzenswärme in mir.

Jede Kultur hat doch profitiert vom Können und Wissen der anderen.
So sie gewillt war.
So sie gewillt war von der Anderen zu lernen.

Sperrt doch bitte nicht jene welche vorm Krieg davonrennen um Frieden zu suchen in Lager ein.
Sperrt doch jene, welche das Chaos und die Gewalt suchen in ein Lager, da können sie sich bis zum Ende gegenseitig dezimieren.
Alle Waffenlieferanten, Kriegsprofiteure und Hetzer vereinigt euch, begebt euch zusammen in ein Lager. Ermordet euch, foltert euch, macht was ihr wollt.
Zerstört euch selbst und ich garantiere euch – kein Hahn wird nach euch krähen.

 


 

Diese mitreissenden, bis in’s Mark treffenden Sätze
hat mir freundlicherweise TOLLABEA ausgeliehen –
aus ihrem #bloggerfuerfluechtlinge-Beitrag,
zu dem Alfred Zieger diesen Kommentar beisteuerte.

Vielen Dank dafür!

Christina

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7 Gedanken zu “Ich schaue…

  1. Der Kommentar sagt wirklich alles, da bleiben einem nicht viel Worte. Ich finde auch grauenhaft, was sich in der Welt abspielt. Mir tun diese Menschen, die aus ihrer schlimmen Heimat oft mit Kind und Kegel geflüchtet sind, sehr, sehr leid. Und wie gehen wir mit diesen armen Menschen um? Europa hat mit so einem Menschenansturm einfach nicht gerechnet, obwohl es einmal so kommen musste.
    Welche Menschen halten das auf Dauer aus, immer nur Krieg, Mord, Folter, alles ist kaputt und die Infrastruktur ist am Boden!!! Da sucht man eben Zuflucht, wo es einem besser gehen könnte!
    Ich hoffe, dass sich alle Staaten der EU an dem Flüchtlingsansturm beteiligen und gute Lösungen für diese armen Flüchtlinge gefunden werden.

    Liebe Grüße von
    Elke

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    1. Mir gibt mal wieder zu denken, wie unchristlich sich angesichts dieser Katastrophe und dem Leid und der Not der Flüchtenden gerade die Staaten verhalten, die sich so gern mit christlichen Werten brüsten. Diese christliche Nächstenliebe endet scheint’s genau beim Glaubensbruder. Hoffentlich werden all diese leidenden Menschen auf der Flucht in ein lebenswertes Leben nicht als nächstes – nach IS- und Talibanterror – zu Opfern der tiefgreifenden europäischen Zerstrittenheit. Eine Lösung muss her, und das schnell. Aber wie ich dieses taktierende Politikerpack kenne, wird das Problem einfach ausgesessen…

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  2. ….zum Glück gibt es auch Menschen die hinschauen und denen es nicht egal ist, weswegen die Flüchtlinge zu uns kommen!

    Deine Worte machen mich nachdenklich und ich habe dazu nicht wirklich etwas hinzu zu fügen, außer das ich alle die in den sozialen Netzwerken rumkrähen gegen Flüchlinge am liebsten auch mit in dieser Lager packen würde. Menschen mit braunem Gedankengut, denen es immer gut ging und die sich nicht mal ansatzweise vorstellen können, was diese Menschen durchgemacht haben. Menschen die blind und taub Rechte Ideologien verfolgen ohne Sinn und Verstand.

    Ich versuche immer weiter zu denken und stelle mir dann vor, was wäre wenn wir in eine ähnliche Situation geraten würden und flüchten müssen?

    Die Worte von Alfred Zieger machen mich sehr traurig und nachdenklich…

    Liebe Grüße Dietmar – quatschkatzen.de

    Gefällt 1 Person

    1. Ich denke auch, dass sich jeder Einzelne vor Augen führen sollte, wie er selbst sich in so einer Notlage fühlen würde. Man kann den zu uns Flüchtenden schließlich nicht vorwerfen, dass sie sich und ihre Familien in Sicherheit bringen wollen. Jeder von uns würde dieses Recht ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen.
      Danke für deinen einfühlsamen Kommentar.
      Liebe Grüße von Christina

      Gefällt 1 Person

    1. Genauso ging es mir auch. Berührt haben mich diese Worte, und aufgerüttelt.
      Im Fernsehen bleiben Not und Schrecken schön auf Abstand und man kann sich sehr distanziert damit befassen – diese rationale Einstellung ist mir völlig verloren gegangen.

      Gefällt 1 Person

Eine Antwort maunzen

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